Was zeichnet sie aus?

Die Hufeisennase

Sie gehört zu unseren kleinsten Säugetieren. Nur fünf bis neun Gramm wiegt eine Kleine Hufeisennnase. „Nicht schön, aber selten“, beschreibt sie ziemlich gut. Der pummelig wirkende Körper und das flauschig-weiche Fell mögen wir noch niedlich finden. Ihr einzigartiger Gesichtsschmuck, dem sie ihren Namen verdankt, macht sie aber zu unserem wohl skurrilsten Säugetier. Aber ob wir sie schön finden oder nicht, dürfte der Hufeisennase egal sein.

hufi 7

hufi 8

Im Vergleich mit anderen Fledermausarten haben Hufeisennasen recht kurze und breite Flügel. Die Flughaut beginnt an der Schulter und spannt sich bis zum Handgelenk aus. Sie verläuft weiter zwischen den stark verlängerten Fingern, entlang der gesamten Körperseite bis zu den Zehen der Füße und zur Schwanzspitze. Das ergibt eine ordentliche Tragfläche. Die Fledermaus passt ihr sehr elastische Flugorgan in Form und Ausdehnung schnell und umfangreich der aktuellen Flugsituation an, indem sie die Haltung ihrer Arme, Finger und Beine verändert. Die Flughaut ist somit in der Form viel variabler als die starren Federn im Vogelflügel. Hufeisennasen stellen deshalb hinsichtlich Wendigkeit und Geschick jeden einheimischen Vogel klar in den Schatten. 

hufi 9

Foto: Karl Kugelschafter

 

Eine (besondere) unter vielen

Es mag überraschen, aber die Säugetierordnung im Ortenaukreis mit der größten Artenzahl sind Fledermäuse. Mehr als 20 verschiedenen leben hier. Die meisten sehen sich ziemlich ähnlich und sind für Laien kaum auseinander zu halten. Hufeisennasen jedoch sind unverwechselbar. Sie unterscheiden sich nicht nur äußerlich von den übrigen Fledermäusen, sondern auch im Verhalten. Und tatsächlich sind sie auch gar nicht näher verwandt. Hufeisennasen stehen den von Afrika bis Australien lebenden Flughunden näher als allen unseren sonstigen Fledermäusen. 

Die Nachbarn: Keine der anderen im Ortenaukreis vorkommenden Fledermausarten ähnelt einer Hufeisennase

g mausohr

Großes Mausohr

wasserfledermaus

Wasserfledermaus

weissrandfledermaus v2

Weißrandfledermaus

 

Die Verwandtschaft: nicht alle Hufeisennasen-Verwandten tragen Gesichtsschmuck. Auch die Flughunde gehören dazu.

Indischer Riesenflughund

Indischer Riesenflughund

asiatische Lyrafledermaus v2

Asiatische Lyrafledermaus

Sri Lanka Rundblattnase v2

Sri Lanka Rundblattnase

 

Die große Schwester

Es gibt neben der Kleinen noch eine zweite Hufeisennasen-Art in Deutschland. Die Große Hufeisennase sieht ihr sehr ähnlich, ist aber viel größer. Sie gehört zu den größten einheimischen Fledermäusen. Soweit man schriftliche Aufzeichnungen über ihr Vorkommen zurückverfolgen kann, war sie im Gegensatz zu ihrer kleinen Verwandten offenbar weniger verbreitet und eher selten. Dennoch gehören beide Hufeisennasen zum natürlichen Arteninventar des Ortenaukreises. Die letzte Baden-Württembergische Sommerkolonie der Großen hielt sich bis in die 1990er Jahre in Ettenheim. Im gesamten Gebiet der Bundesrepublik gibt es aktuell nur noch ein einziges Vermehrungsquartier in der bayerischen Oberpfalz (https://www.lbv.de : life-natur-projekte und tier-webcams). Südbaden ist jedoch eine der wahrscheinlichsten  Regionen für eine Wiederbesiedlung. Nach wie vor gelingen sehr seltene Funde einzelner im Schwarzwald überwinternder Tiere. Eine Große Hufeisennase trieb sich außerdem kurze Zeit am Kaiserstuhl herum. Diese Individuen sind wohl aus dem Elsas herüber gekommen, wo beide Hufeisennasen nach wie vor vorkommen.

In ihrer Quartierwahl sind sich beide Arten ähnlich: Dachböden mit großen Einflugöffnungen im Sommer, Keller, Stollen und Höhlen im Winter. Allerdings scheint die Große Hufeisennase etwas höhere Ansprüche zu haben. Dachböden, die ihr zusagen, sind geräumig und deutlich gegliedert oder sie bestehen gleich aus mehreren Räumen. Die Tiere wechseln dann je nach momentanem Wetter bzw. Mikroklima gezielt innerhalb des Quartiers ihren Hangplatz.

Auch die Jagdreviere der Großen liegen in etwas anderen Lebensräumen als die der Kleinen. Jedes Mitglied einer Kolonie hat eigene Reviere in einem ca. 4 km weiten Radius um ihren Dachboden. Dort jagen die Fledermäuse große Insekten wie Nachtfalter und Käfer, die sie zum Teil im Flug erbeuten. Typisch für Große Hufeisennasen ist jedoch die Ansitzjagd. Dabei hängt sie z.B. an einem Ast und überwacht ihre Umgebung. Nähert sich ein Beuteinsekt, fängt sie es im gezielten Flug, bringt die Beute zum Ansitz zurück und verzehrt sie dort in aller Ruhe. Dieser Jagdstil funktioniert am besten in halboffenen Landschaften. Die großen Fledermäuse fliegen folglich vor allem über Wiesen mit einzelnen Bäumen und Büschen sowie in lichten Wäldern. Extensive Streuobstwiesen und allem voran Weidelandschaften wie die Wilden Weiden Kappel-Grafenhausen sind nach ihrem Geschmack. Einen wesentlichen Teil ihrer Ernährung machen hier Dungfliegen und Mistkäfer aus.

Wilde Weide

 

Die im Dunkeln sieht man nicht

Jagende und fliegende Hufeisennasen sind extrem schwer zu beobachten, denn sie sind sehr vorsichtige Tiere. Ihr Flug ist geradezu unglaublich geschickt und wendig. Sie fliegen schmetterlingsartig langsam bis sehr langsam und können sogar auf der Stelle stehen (rütteln), um Insekten von Blättern oder Ästen abzupflücken. Diese Akrobatik geht zulasten der Schnelligkeit. Gefährlich wird es deshalb, wenn es darum geht, Feinden zu entkommen.

hufi 10

Foto: Karl Kugelschafter

Wahrscheinlich ist das der Grund, warum sie erst spät aus ihren Quartieren zum Jagdflug aufbrechen, wenn es bereits dunkel ist. Und auch dann bleiben sie immer heimlich an der Deckung. Denn ein spät abends noch hungriger Sperber oder eine Eule könnte die Fledermaus recht einfach entdecken, wenn sie gegen den Abendhimmel sichtbar fliegt. Aber Hufeisennasen schleichen fast unsichtbar für die Augen ihrer Feinde nur etwa 50 cm über dem Boden oder direkt an Hecken entlang durch ihren Lebensraum. Freie Flächen überfliegen sie so gut wie nie und nehmen lieber einen Umweg in Kauf. So entstehen regelrechte Flugstraßen. Ziel des abendlichen Schleichflugs sind Jagdgebiete in einem Radius von selten mehr als 2 km um ihr Tagesquartier herum, nur wenige jagen bis zu vier km entfernt. Neben naturnah gestalteten Gärten sind unterschiedlichste Wälder der Lebensraum, in dem die Kleine Hufeisennase ihre Beute sucht. Gerne jagt sie auch in der Vegetation am Rande von Gewässern nach kleinen Nachtinsekten wie Mücken und Motten. Dabei haben die kleinen Flugkünstler einen beeindruckenden Appetit. Um satt zu werden futtern Kleine Hufeisennasen jede Nacht etwa die Hälfte ihres eigenen Körpergewichts. Beim Fang zeigen sie ganzen Körpereinsatz. Denn meistens greifen sie ihre Beute nicht direkt mit dem Maul, sondern keschern sie unter Einsatz der Flughaut mit ihren Hände und Beine aus der Luft. Dann setzen sie einen gezielten Biss in die so eingehüllte Beute und verzehren sie. Zur Verzehr größerer Beute legen Hufeisennasen meist eine Pause ein und hängen sich kurz z.B. an einen Ast. Und auch kleine Beute sammeln sie oft in ihren Backentaschen, um sie dann an solchen Hangwarten in Ruhe zu zerkauen. Regelmäßig legen Hufeisennasen zudem längere Jagdpausen an festen „Nachthangplätzen“ ein. Das kann z.B. eine Hütte oder Veranda, der Eingang zu einem unterirdischen Tunnel oder auch ein geschützter Ort unter dicht überhängender Vegetation sein.

vegetation

 

Echoortung

Wie findet eine Hufeisennase ihren Weg durch finstere Nacht oder kleine Insekten in dichter Vegetation? Ganz anders als bei uns spielen ihre kleinen Augen dabei keine nennenswerte Rolle. Stattdessen setzen die Fledermäuse auf ihr eigenes aktives Ortungssystem: sie navigieren mit Echolot und Ultraschall. Und sie sind im Tierreich Meister dieser Disziplin. Hufeisennase rufen durch die Nasenlöcher und nicht wie wir und die meisten ihrer Verwandten durch den Mund. Durch ihre Nasenaufsätze wird der Laut modifiziert, gebündelt und verstärkt. Sie wirken also ähnlich wie ein Megaphon. Unsere Ohren können die extrem hochfrequenten Ortungslaute nicht wahrnehmen.

Wenn ihr Ruf auf ein Hindernis trifft, wird er reflektiert und kommt als Echo zurück zur Fledermaus, die mit ihren riesigen Ohren genau darauf lauscht. Die im Echo enthaltenen Informationen kann eine Hufeisennase so fein analysieren, dass sie ein einzelnes im Wind treibendes Haar orten kann. Und natürlich all die Hindernisse, die in ihrer Flugbahn auftauchen. Weil sie so nah an Bäumen und Sträuchern und selbst in dichtem Gebüsch fliegt, sind das einige.

Der kurze Zeitunterschied, der zwischen Aussendung des Ortungslauts und Rückkehr des Echos liegt, sagt ihr, wie weit das Objekt von ihr entfernt ist. Die minimale Zeitdifferenz zwischen rechtem und linkem Ohr lässt sie die Richtung ablesen. Allerdings reicht das noch nicht, um die Fledermaus satt zu machen. Um Beute aufzuspüren, arbeiten Hufeisennasen quasi mit einem Detektor für flügelschlagende Insekten. Ihr Ortungslaut besteht vor allem aus einem einige Millisekunden langen reinen Ton. Kommt das Echo etwa von einem Ast, ist auch das ein reiner Ton. Das Echo eines fliegenden Falters klingt anders. Der schlagende Flügel reflektiert den Laut mal direkt und mal kaum, je nach wechselnder Stellung des Falterflügels zur Fledermaus. Das Insekt moduliert so ohne es zu merken die Trägerfrequenz des Ortungslauts und das Echo, das die Hufeisennase hört, ist Musik in ihren Ohren. Ob ein Fangversuch lohnt, weiß die Fledermaus sofort und wegen des individuellen Flügelschlagmusters auch, welches Insekt da flattert.

Für uns ist es nachts im Wald einfach nur dunkel, wie detailiert und „bunt“ die akustische Welt aber für eine Hufeisennase sein mag, ist kaum vorstellbar.

 

Fortpflanzung

Auf der einen Seite sind Hufeisennasen erkundungsfreudig und fliegen in ihrem Revier regelmäßig z.B. in verschiedene Dachböden. So entdecken und erkunden sie mögliche Quartiere. Andererseits sind sie durch und durch konservative Traditionalisten. Das zeigt sich vor allem in der Wahl ihrer Quartiere.

Dem einmal gewählten Winterquartier halten sie gewöhnlich ihr Leben lang die Treue und überwintern ohnehin vor allem dort, wo das bereits andere Fledermäuse tun. Und auch die Sommerquartiere, in denen sie in Gruppen ihre Jungen aufziehen (die „Wochenstuben“), werden über viele Generationen hinweg immer wieder benutzt. Die weiblichen Jungtiere siedeln sich in ihrer Geburtswochenstube an. Ihre Brüder wandern dagegen eher mal etwas weiter ab und sorgen so für den Genaustausch. Aber auch sie bauen auf das Traditionsbewusstsein ihrer Art, spätestens, wenn sie mit 2 Jahren die Geschlechtsreife erlangen. Denn zur Paarungszeit im Herbst versucht so ein gestandener (oder gehängter?) Hufeisennasen-Mann ein Paarungsquartier für sich zu behaupten. Das kann z.B. ein Dachboden sein.

Die traditionellen Paarungsquartiere kennen die Weibchen und sie suchen sie zur entsprechenden Zeit auf. So kommt es vor, dass die Jungtiere derselben Hufeisennasen-Mutter mehrerer Jahre hintereinander denselben Vater haben. Für Fledermäuse eher ungewöhnlich.

Juni bis Anfang Juli bekommen Kleinen Hufeisennasen ihre Jungen. Pro Weibchen ist es niemals mehr als eins. Die tragenden und säugenden Mütter sind darauf angewiesen, sich bei schlechtem Wetter gegenseitig zu wärmen. Dann rücken sie dicht zusammen, wodurch sich der Energieaufwand deutlich verringert, um sich und das Jungtier warm zu halten. Gleichzeitig produziert die Mutter so viel Milch, dass ihr Einzelkind rasant wächst und nach sechs Wochen bereits ausgewachsen und flugfähig ist. Ohne die energetischen Vorteile des Gruppenlebens wäre das nicht möglich. Viele Hufeisennasenkolonien sind klein und umfassen nur ein paar Tiere, selten können bei sehr guten Bedingungen im Quartier und nahe gelegenen ergiebigen Nahrungsrevieren aber auch mehrere Hundert zusammenkommen. Kleine Fledermausgruppen können sich weniger effektiv gegenseitig wärmen als große. Wahrscheinlich wirken sich Schlechtwetterphasen in der Jungenaufzucht deshalb stärker auf ihren Fortpflanzungserfolg aus. Die Verfügbarkeit guter Jagdreviere in der Umgebung des Quartiers begrenzt aber die mögliche Gruppengröße. Und weil Hufeisennasen im Vergleich mit vielen anderen Fledermäusen nur kurze Distanzen zum Jagen zurücklegen, bleiben die meisten ihrer Kolonien eben notgedrungen klein.

Umso wichtiger ist das Mikroklima in ihrem Quartier. Ein strukturierter Dachboden oder ein verhältnismäßig kleiner Heizungskeller mit konstant hohen Temperaturen kann ihnen zusagen, vorausgesetzt, es gibt eine Öffnung, durch die sie hineinfliegen können.

Außer der nahrhaften Muttermilch nimmt ein Fledermausjungtier keine andere Nahrung zu sich, bis es genauso groß ist wie seine Mutter und selbst Insekten fangen kann. Eine ungewöhnlich intensive Säugezeit und eine enorme Leistung der Mutter! Zunächst aber bleibt das Hufeisennasenkind den ganzen Tag in engem Körperkontakt mit seiner Mutter und lässt sie abends nur wiederwillig alleine zum Jagdflug starten. Die Mutter signalisiert dem Jungtier durch ein auffälliges Zucken des ganzen Körpers, wenn es von ihrem Bauch absteigen und sich selbst neben ihr am Hangplatz festhalten muss. Manchmal dauert es eine gute halbe Stunde, bis das Jungtier dieser Aufforderung nachkommt. Die Mütter nehmen es mit stoischer Gelassenheit und zucken weiter. Ältere Jungtiere schreiten nachts mit ausladenden Schritten am Hangplatz herum und nehmen Kontakt mit anderen Jungtieren auf, trainieren ihre Flugmuskulatur, indem sie im Hängen heftig mit den Flügeln schlagen. Auch ihre ersten Flugversuche finden im Schutz des Quartiers statt. Dann finden zwischen den Jungtieren z.T. regelrechte Verfolgungsspiele mit gegenseitigem Auflauern und Verstecken statt. Wenn die Mutter morgens oder in Jagdpausen zurückkommt, begrüßen sich beide intensiv, ummanteln sich mit den Flügeln und belecken einander das Gesicht.

Schließlich fliegen auch die Jungtiere Ende Juli aus dem Quartier in die Nacht hinaus und jagen selbstständig Insekten. Beobachtungen in verschiedenen Quartieren legen nahe, dass die Bindung zur Mutter die nächsten Jahre noch bestehen bleiben kann, auch wenn diese bereits ein neues Jungtier hat. Weiterhin begrüßen sich Mutter und erwachsene Tochter regelmäßig freundlich inclusive Belecken des Gesichts. Und Hufeisennasen haben das Zeug dazu, langfristige Bande aufzubauen. Sie können ein für so kleine Tiere fast biblisches Lebensalter von 20 Jahren erreichen.